„Von allen Sorgen, die ich mir machte, sind die meisten nicht eingetroffen.“

Sven Hedin

WIR SIND MEISTER DES SORGENS

Wer kennt sie nicht, die quälenden Gedanken daran, was in Zukunft alles schiefgehen könnte. Wir verfügen über eine schier unendliche Kreativität, uns Negativszenarien für unsere Zukunft auszumalen. 

„Sicher werde ich wieder im Stau stehen. Was, wenn ich den Zug verpasse? Dem Chef wird das nicht gefallen. Bestimmt werde ich im Urlaub krank. Warum ist das Kind noch nicht zuhause? Vielleicht hatte es einen Unfall? Bestimmt habe ich den Herd angelassen und wenn ich nach Hause komme, ist das ganze Haus abgebrannt und ich habe alles Hab und Gut verloren. Was werde ich dann tun? Erst bei Freunden unterkommen, und wenn sie mich nicht mehr beherbergen wollen, werde ich unter der Brücke schlafen müssen. Ich armer Mensch! Mein Leben ist am Ende!“

Die Liste der Sorgen, die wir uns machen, ist endlos – und meistens völlig unbegründet. Denn genauso, wie jeder Mensch das Gefühl des Sorgens kennt, kennt er auch das Gefühl, dass die Dinge meistens doch nicht so eintreffen, wie wir befürchten – und wir uns völlig umsonst gesorgt haben. 

SORGEN ALS TUGEND?

Obwohl sich sorgen einer der unproduktivsten mentalen Vorgänge ist, scheint sich zu sorgen in unserer Gesellschaft zum guten Ton zu gehören. Schon ganz früh lernen wir uns zu sorgen. Unsere Eltern leben es uns vor. Sie sorgen sich um uns und nennen es Liebe. In Bezug auf ihr eigenes Leben sorgen sie sich vor Arbeitslosigkeit, Krankheit, Verlust ihrer Besitztümer und vor der Zukunft. 

Unbewusst übernehmen wir dieses Verhalten und denken, sich zu sorgen ist ein ganz natürlicher, menschlicher Prozess. Dabei sind Sorgen nichts als lähmende, einengende Gedanken, die uns in keiner Weise weiterbringen.

DIE MACHT DER SORGEN

Infolge von Sorgen sind viele Menschen Gefangene ihres eigenen Lebens. Sie arbeiten jede Woche 40 Stunden in einem Beruf, der sie nicht glücklich macht, sie aber dazu befähigt, „ganz gut“ – und doch nur mittelmäßig zu leben. So viele Menschen geben sich mit dieser Mittelmäßigkeit zufrieden, ohne je das zu tun, was sie wirklich wollen. In ihrem Job verdienen sie gerade genug, um nicht zu kündigen und zu wenig, um glücklich zu sein. Das Risiko, sich etwas Neues zu suchen, wollen sie nicht eingehen. Vielleicht ist das ja dann auch nicht besser, sorgen sie sich. Sie könnten sich auch selbständig machen und etwas tun, was ihr Herz zum Schwingen bringt, aber sie sorgen sich, damit nicht genug Geld zu verdienen. 

Andere schließen unzählige Versicherungen ab, weil sie sich dann sicherer fühlen. Doch eine Versicherung ist nichts weiter als eine Wette gegen uns selbst. Dann gibt es Menschen, die an einer Beziehung festhalten, die schon lange einen faden Beigeschmack hat, nur aus Sorge, keinen anderen Partner zu finden. Wieder andere sorgen sich darum, krank zu werden und warten unbewusst nur darauf, dass der Krebs zuschlägt. Meistens wird aus solcher Art von Gedanken eine selbsterfüllende Prophezeiung. 

SORGEN ÄNDERN NICHTS AN DER ZUKUNFT

Wenn Du Dich sorgst, ändert das überhaupt nichts an der Zukunft, denn Sorgen haben keinen Einfluss auf den Lauf der Dinge. Du kannst mit Sorgen weder die Zukunft voraussehen noch kannst Du sie mit Hilfe von Sorgen akribisch planen. Du kannst mit Sorgen weder Krieg noch Krankheit noch den Tod verhindern. 

Indem Du Dich sorgst, veränderst Du also nichts an der Situation, die Du befürchtest. Sorgen haben lediglich einen negativen Einfluss auf Dein jetziges Wohlbefinden. Wenn Du Dich sorgst, fühlst Du Dich bedrückt, hilflos, ängstlich und verlierst Deine Fähigkeit, klare Gedanken zu fassen. Schlimmer noch: Du programmierst Dich und Deine Umwelt regelrecht auf das Problem, das Du bereits kommen siehst. Dein Unterbewusstsein wird sich bemühen, Deine Erwartungen zu erfüllen, denn nur dann ist es konsistent mit der Realität.

Erinnere Dich also einmal mehr daran, dass Dein Leben sehr kurz ist. Es wäre doch eine Vergeudung, wenn Deine Sorgen Dich davon abhalten, selbstbestimmt zu leben, Deine Träume zu verwirklichen und jeden Tag auf dieser Erde zu genießen. Wenn Du Dich immer wieder sorgst, wirst Du einmal auf dem Sterbebett liegen und Dir wünschen, Du könntest Dein Leben nochmal leben. Doch dann ist es zu spät. 

DER FILM, DER BEIM SORGEN IN DEINEM GEHIRN ABLÄUFT…

Egal, ob Du Dich um Dein eigenes Leben oder um andere sorgst, Angst vor der Zukunft hast oder Existenzängste ausstehst, in Deinem Unterbewusstsein läuft immer der gleiche Prozess ab, wenn Du Dich sorgst. 

Das passiert in Deinem Gehirn, wenn Du Dir Sorgen machst:  

  1. Du stellst Dir vor, wie die Sachen schief gehen können und hältst die negativen Ausgänge für möglich und wahrscheinlich. 
  2. Deine Gedanken an die negative Zukunft lassen Dich im Hier und Jetzt negative Gefühle, wie Angst, Aufregung und Entmutigung empfinden. 
  3. Deine innere Unruhe wächst, Du beginnst zu grübeln und schränkst Deine Fähigkeit ein, rational über die Sache zu denken und andere Ausgänge – die genauso wahrscheinlich und möglich sind – in Erwägung zu ziehen. 
  4. Deine Produktivität und Lebensfreude sinken. Du fühlst Dich gelähmt und kannst in Panik verfallen. 
  5. Du wirst handlungsunfähig. 

…UND 6 STRATEGIEN, MIT DENEN DU DICH NICHT MEHR SORGST

Statt den Prozess des Sorgenmachens unbewusst ablaufen zu lassen, kannst Du die folgenden Strategien anwenden, um Dich aus Deinem Sorgengefängnis zu befreien. 

Strategie #1: Stelle Dir bessere Fragen

Die Qualität Deiner Fragen bestimmt die Qualität Deines Lebens. Hilfreiche Fragen im Moment des Sorgens sind zum Beispiel: 

  • Ist ein negativer Ausgang wirklich wahrscheinlicher als ein positiver? 
  • Welche Ausgänge sind noch wahrscheinlich?
  • Was könnte ich denken oder glauben, um aufzuhören mich zu sorgen?

Strategie #2: Der Prozess der freudigen Erwartung 

Wenn Du Deine Gewohnheit des Sich-Sorgen-Machens außer Kraft setzen und den automatischen Sorgenprozess stoppen willst, lohnt es sich, den unterbewussten Prozess mit einem neuen Denkprozess ersetzen. So funktioniert der Prozess der freudigen Erwartung: 

  1. Denke an die Situation, die Dich besorgt. 
  2. Erinnere Dich daran, dass Du Dich in der Vergangenheit schon sehr oft unnötig gesorgt hast. 
  3. Stelle Dir mindestens einen positiven Ausgang vor, gerne auch zwei oder drei. 
  4. Halte den positiven Ausgang für möglich. 
  5. Male Dir den positiven Ausgang in strahlenden Farben aus. Je mehr Du darüber nachdenkst, wie gut alles verlaufen wird, desto realer wird der Ausgang für Dich. 
  6. Beruhige Dich selbst, indem Du Dir sagst: Es wird schon alles gut gehen. Und wenn nicht, werde ich damit klarkommen. Ich lehne es ab, mich jetzt damit zu befassen. 
  7. Spüre in Dich hinein und empfinde neuen Mut und Zuversicht. 

Strategie #3: Lege einen Sorgenzeitraum fest 

Mach von Deiner Fähigkeit gebrauch, Deine Gedanken bewusst zu steuern. Richte Dir einen zeitlich begrenzten und genau terminierten Sorgenzeitraum ein, zum Beispiel täglich um 17.30 Uhr. 

Wenn Du wahrnimmst, dass Du Dich sorgst, sage Dir: „Okay, ich sorge mich gerade. Das lasse ich für jetzt sein. Um 17.30 Uhr werde ich mich ausgiebig um meine Sorgen kümmern.“

Schreibe Dir den besorgniserregenden Gedanken auf und nimm den Zettel um 17.30 Uhr zur Hand. Ab da kannst Du für 10 Minuten so richtig in Deinen Sorgen schwelgen. Koste das Sorgenmachen richtig aus. Male Dir die schwärzesten Zukunftsszenarien aus. Übertreibe Deine Sorgen und den Ausgang der Dinge bis zum Maximum. Bald wirst Du merken, wie wenig Dir das Sorgenmachen bringt und Deine Sorgenzeiträume aus Deinem Alltag streichen. 

Strategie #4: Du bist kein Hellseher

Wir neigen dazu, die Zukunft oftmals zu einer Katastrophe hochzustilisieren. Mach Dir bewusst, dass Du kein Hellseher bist. Du kannst nicht wissen, ob eine Sache eintritt oder eine andere. Dein Gehirn neigt nur allzu gerne dazu, über die Zukunft negativ zu denken, weil Du Angst vor dem Unbekannten hast und befürchtest, mit dem, was kommen wird, nicht umgehen zu können. Dabei hast Du mit hoher Sicherheit schon viele schwierige Situationen in Deinem Leben gemeistert. Ist es daher nicht sehr wahrscheinlich, dass Du auch dieses Mal einen Weg finden wirst?

Strategie #5: Nutze die Wahrscheinlichkeitsrechnung

Um uns das Leben leichter zu machen, hat unser Gehirn einen perfiden Trick entwickelt. Wir glauben, die Zukunft wird so sein wie die Vergangenheit. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ereignis eintritt, ist nicht höher, nur weil es in der Vergangenheit schon einmal aufgetreten ist. Dies ist pure Selbsttäuschung. Wenn Du Dir also Sorgen machst, frag Dich: „Auf einer Skala zwischen 0 und 100 Prozent, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Ereignis wirklich eintritt?“Du wirst schnell merken, dass so viele Randbedingungen eine Rolle spielen und Du schlicht und ergreifend keine Zahl festmachen kannst. 

Warum also annehmen, dass die Sache einen negativen Ausgang haben wird? 

Strategie #6: Untersuche Deine Sorgen

Stell Dir die folgenden Fragen, um das Sorgenmachen loszulassen. So wirst Du Dir Deiner Gedanken bewusst, die Du im Moment des Sorgens hast, gewinnst Klarheit und kannst neue, bewusste Gedanken entwickeln und Dich vom Sorgen befreien. 

  1. Worüber sorgst Du Dich? 
  2. Warum besorgt Dich die Situation? 
  3. Wovor sollen Dich Deine Sorgen schützen? 
  4. Womit könntest Du das Gefühl des Sorgens ersetzen? Welches Gefühl hättest Du gerne anstelle dessen? 
  5. Was hindert Dich, daran zu glauben, dass ein positiver Ausgang möglich ist? 
  6. Was würdest Du glauben, wenn Du den positiven Ausgang für möglich hältst?
  7. Was kannst Du jetzt tun, um Dich von Deinen Sorgen zu befreien?


*Dieser Artikel ist ein Auszug aus meinem Buch, das im Frühjahr 2020 im dtv erscheint. Wenn Du schon vorher Wissen aus dem Buch tanken willst, besuche meine WorkshopsEvents, lass Dich coachen oder komm mit mir auf Reisen